
Wozu die Märchen?
Märchen – das sind doch diese angestaubten Geschichten, die sich früher die alten Mütterchen bei Kerzenschein am Spinnrad erzählt haben? Deren Inhalt oft grausam und das Rollenbild veraltet ist. Brauchen wir die heute überhaupt noch?
Unbedingt! Vielleicht heute sogar mehr als zu den Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat. Denn das Märchen ist wie kaum eine literarische Gattung in der Lage, komplexe Themen und Gefühlswelten in reinster, einfachster Form zu transportieren. Mit seinen klaren Bildern spricht es von dem, was uns Menschen (nicht nur die Kinder) schon immer bewegt hat: Neid, Gier, Macht, Angst (ja Titus, auch davon) und Kummer – aber auch von Hoffnung, Selbstlosigkeit, Mut, Bescheidenheit und Liebe. Das Märchen geht an die dunkelsten Orte, aber es bleibt niemals dort stehen. Am Ende überwinden Heldinnen und Helden ihre Furcht, bezwingen das scheinbar Unbezwingbare und verwirklichen ihr Glück.
Die wiederkehrenden Bilder und Erzählmuster eignen sich darüber hinaus, die Märchen zu verinnerlichen, an ihnen die eigene Vorstellungskraft zu erproben – und eigene, ganz neue Figuren und Geschichten zu entwerfen (nicht wahr, Rabea?).
Also: Smartphone aus, schnell ein paar Holzscheite im Räucherfix-2000 nachlegen, Kerze an und losgelesen, geschrieben, getanzt – oder gerappt.

Dr. Evelin Ruhnow
Märchenforscherin und Journalistin
